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Soziales Wohnen in freundnachbarlicher Umgebung - Georgien
Selbstständiges Wohnen ermöglichen
Projekt abgeschlossen



Die DEZA zeigt in Georgien neue Wege im sozialen Wohnungsbau auf. Dabei wird die Nachbarschaftshilfe gefördert, um die Lebensumstände der sozial und wirtschaftlich Schwächsten der Gesellschaft dauerhaft zu verbessern. Zu ihnen zählen die durch Konflikte intern Vertriebenen, alte alleinstehende Personen oder alleinerziehende Mütter.

Angewiesen auf die Hilfe ihrer Nachbarn: Totchka Dartsmelia
Totchka Dartsmelia ist verzweifelt: «Meine ganze Pension geht für Medikamente drauf». Die 27 Jahre, die sie in einer Galvanisierungs-Fabrik gearbeitet hat, haben die Gesundheit der alten Frau zerstört. Nur mit Mühe kann sie mit Krücken ein paar Schritte gehen, das Aufstehen ist eine Qual. «Zum Glück habe ich meine Nachbarn», sagt Totchka Dartsmelia, «sie bringen mir die Medikamente, kaufen für mich ein und begleiten mich wenn nötig zum Arzt. Sie lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft in der georgischen Hauptstadt Tiflis, einem früheren Studentenheim des Polytechnischen Instituts. Rund 1500 Personen leben hier, die Anfang der neunziger Jahre vor den Konflikten um Abchasien und Südossetien geflohen sind. Das gemeinsame Schicksal führt dazu, dass man sich gegenseitig hilft wo möglich.

Alternative zu Alters- oder Pflegeheimen
Venera Tshimsheleishvili ist besorgt: Wahrscheinlich muss sie ihre Gemeinschaftsunterkunft verlassen.
Gegenwärtig werden in Georgien viele Gebäude im Staatsbesitz privatisiert. Ob und wann es das Studentenheim des Polytechnischen Instituts trifft, wissen die Bewohner nicht. In einer anderen Gemeinschaftsunterkunft, dem Arbeiterheim von Sakhenergo, ist der Prozess schon weiter: Die betagte Venera Tshimsheleishvili und ihre Mitbewohner haben die Mitteilung erhalten, dass sie raus müssen. Zwar kämpfen sie noch vor Gericht gegen den Entscheid, doch bereits fürchten sie, auf der Strasse zu landen. Denn es wird enorm schwierig sein, etwas Anderes zu finden; günstige Wohnungen sind in Tiflis rar. Personen wie Totchka Dartsmelia und Venera Tshimsheleishvili droht eine zusätzliche Gefahr: Wenn sie aus dem Netzwerk der nachbarschaftlichen Hilfe herausgerissen werden, können sie nicht mehr alleine leben. Die einzige Alternative wäre ein Alters- oder Pflegeheim.

Nachbarschaftshilfe institutionalisieren
Aufbauend auf dieser Erkenntnis ist das Konzept «Social Housing in Supportive Environment» der DEZA entstanden. «Wir überlassen die Nachbarschaftshilfe nicht dem Zufall», sagt Ernesto Morosin, der humanitäre Koordinator im Südkaukasus, «wir institutionalisieren sie». Wie das geht? In einem Aussenquartier von Tiflis entstehen vier Häuser mit insgesamt 30 Wohnungen. 28 davon sind für ein bis zwei Personen konzipiert, die zwar alleine leben können, doch hin und wieder Unterstützung von aussen brauchen. Zwei Wohnungen sind deutlich grösser und werden von speziell ausgesuchten Familien bewohnt werden. Diese Familien stammen zwar ebenfalls aus sozial schwachen Schichten, zeichnen sich aber durch ausgewiesene Sozialkompetenz aus. Sie schaffen in der Siedlungsgemeinschaft das gewünschte soziale und unterstützende Umfeld. Sie stehen den anderen Bewohnern bei kleinen Problemen bei – wechseln zum Beispiel eine Lampe aus – und rufen wenn nötig den Sozialdienst oder einen Arzt .

Das ehemalige Studentenheim des Polytechnischen Instituts in Tiflis beherbergt 1500 intern Vertriebene.
Dass das funktioniert, davon ist Ernesto Morosin überzeugt. Die positiven Erfahrungen, welche die DEZA mit vergleichbaren Projekten in Serbien und Armenien gemacht hat, stützen seine Überzeugung. Das Bauen der Häuser sei das Einfachste, meint er, «der Knackpunkt ist die Selektion der Bewohner. Der soziale Mix muss stimmen». Um zum Beispiel einer Ghettoisierung der intern Vertriebenen entgegenzuwirken, werden zwei Fünftel der Wohnungen an andere sozial Schwache vergeben, zum Beispiel alte Menschen oder alleinerziehende Mütter.
Der Selektionsprozess steht in Georgien am Anfang. Mamuka Katsarava, der Verantwortliche bei der Stadtverwaltung von Tiflis für das erste Pilot-Projekt in Georgien, legt Wert auf die Transparenz bei der Auswahl: «Niemand soll uns vorwerfen können, wir hätten nicht jene mit den grössten Bedürfnissen gewählt.» Die Stadtverwaltung wird Eigentümerin der Häuser werden und sie verwalten. So können die Wohnungen an neue Bedürftige vergeben werden, wenn eine leer wird. Auch bleibt die Stadt für den Unterhalt verantwortlich, denn diese Kosten könnten die mittellosen Bewohner nicht selber schultern.

Ein Konzept das Kreise ziehen soll
Die Häuser für das soziale Wohnen stehen vor der Vollendung – es sind die ersten Sozialwohnungen, die in Tiflis seit dem Ende der Sowjetunion gebaut werden.
Knapp sechzig Personen werden in der neuen Siedlung ein Zuhause finden. Eine verschwindend kleine Zahl im Vergleich zu den rund 240 000 intern Vertriebenen in ganz Georgien und nochmals Zehntausenden von Armen, die sich keine Wohnungen leisten können. Ernesto Morosin ist sich dessen bewusst. «Es geht vor allem aber auch darum, aufzuzeigen, wie soziales Wohnen gestaltet werden kann», erklärt er, «wir wollen zeigen, dass das Konzept funktioniert». In Serbien hat die Regierung das Konzept für den nationalen Sozialwohnungsbau übernommen und realisiert nun selbst solche Siedlungen.
Gebaut wird in Tiflis viel – bisher allerdings nur für Vermögende. Darum bestehe ein grosses Bedürfnis für Sozialwohnungen, sagt Mamuka Katsarava von der Stadtverwaltung. Zu lange sei dies vernachlässigt worden; seit dem Ende der Sowjetunion habe die Stadt keine einzige Sozialwohnung mehr gebaut. Das DEZA-Projekt betrachtet Mamuka Katsavara daher als neuen Start.
blank Das Projekt in Kürze

Bereich
Humanitäre Hilfe, Sektion Europa und GUS

Land / Region
Georgien
Partner
Stadtverwaltung von Tiflis, Ministerium für Flüchtlinge und Unterkunft, Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, UNDP, Fürstentum Lichtenstein

Ausgangslage / Hintergrundinformationen
In Georgien leben rund 240 000 intern Vertriebene aufgrund von kriegerischen Konflikten. Rund die Hälfte von ihnen lebt in staatlichen Gemeinschaftsunterkünften. Zunehmend werden diese Unterkünfte privatisiert und die Bewohner müssen ausziehen. Die über viele Jahre gewachsenen nachbarschaftlichen, sozial und wirtschaftlich stützenden Netzwerke drohen dabei zu zerfallen. Im angespannten Wohnungsmarkt ist es für die ärmere und sozial schwache Bevölkerung – zu der die intern Vertriebenen meist gehören – kaum möglich, Wohnungen zu finden.
Projektziel
Das Pilot-Projekt in Tiflis gibt Ideen und Impulse für den sozialen Wohnungsbau in Georgien. Sein übergeordnetes Ziel ist, dass die Regierung von Georgien das Konzept des «Social Housing in Supportive Environment» zu einem festen Bestandteil der nationalen Sozialpolitik werden lässt. Als direkte Auswirkung wird intern Vertriebenen und anderen wirtschaftlich und sozial Bedürftigen ein weitgehend selbstständiges Leben ermöglicht. Dies Dank einer institutionalisierten Nachbarschaftshilfe.

Finanzieller Rahmen
Erstes Pilot-Projekt in Georgien: 1 Mio. Franken, davon 450’000 Franken vom Fürstentum Lichtenstein

Laufzeit
August 2007 bis September 2008

Kontakt
Schweizer Koordinationsbüro für den Süd-Kaukasus in Tiflis
 

Weiterführende Informationen und Dokumente