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Häusliche Gewalt in Vietnam
Weniger Schläge dank Gruppenarbeit



Häusliche Gewalt ist in Vietnam weit verbreitet. Zu den Ursachen gehören Armut, Alkoholismus und einseitige Rollenbilder. Ein von der DEZA unterstütztes Projekt zeigt jedoch ermutigende Resultate – primär dank Gruppenarbeit mit Tätern und Opfern.

Lokalen Zeitungsberichten zufolge stirbt in Vietnam alle drei Tage eine Frau an den Folgen von häuslicher Gewalt. Zuverlässige Statistiken und aktuelle Studien dazu gibt es zwar nicht, in- und ausländische Fachleute sind sich aber einig, dass das Phänomen in der Tat er-schreckend weit verbreitet ist – obwohl die Gleichberechtigung der Geschlechter ebenso wie das Diskriminierungsverbot längst in der Verfassung des kommunistischen Staates verankert sind. Als Ursachen für die Gewalt gelten unter anderem Armut und Alkoholismus, aber auch mangelnde Bildung und die traditionelle Vormachtstellung des Mannes als unangefochtenes Oberhaupt der Familie.

Vietnamesische Regierungsstellen, Nichtregierungsorganisationen aus dem In- und Ausland sowie ausländische Entwicklungsagenturen bemühen sich seit Jahren um eine Verbesserung der Situation. Ermutigende Resultate zeigt ein 2003 lanciertes Projekt in der nordvietna-mesischen Provinz Ninh Binh, das die DEZA bis anhin mit rund 700'000 Franken unterstützt hat. Zu den Projektaktivitäten in den 20 beteiligten Gemeinden der traditionellen Reisanbauregion gehören nebst der Produktion von Informationsmaterial aller Art unter anderem der Betrieb von Beratungsstellen und Gesprächsgruppen für Männer und Frauen, Täter und Opfer.

Heute schlagen sie seltener zu als früher

Prügelnde Männer und weinende Frauen: Szenen häuslicher Gewalt auf Zeichnungen von Schulkindern aus der Provinz Ninh Binh.
Die Gesprächsgruppen finden bei der lokalen Bevölkerung Anklang. Sie laden ein zum Erfahrungsaustausch und fördern den Bewusstseinsbildungsprozess, nicht zuletzt der Täter. „Ich habe erkannt, wie negativ sich die Gewalt auf meine Familie auswirkt“, sagte einer der Gruppenteilnehmer. „Wenn die häusliche Gewalt aufhört, können sich Mann und Frau voll und ganz für den Lebensunterhalt der Familie einsetzen.“

Auch die von der Gewalt betroffenen Frauen äusserten sich positiv über die Gruppenaktivitäten. „Früher wurde ich von meinem Mann im Durchschnitt ein- bis zweimal pro Woche geschlagen“, berichtete ein Mitglied einer Opfergruppe. „Seit er an den Treffen der Tätergruppe teilnimmt, schlägt er nur noch ein- bis zweimal pro Jahr zu.“ Durch die Teilnahme an den Gruppengesprächen hätten die Frauen aber auch ganz direkt und persönlich profitiert. Erst dort hätten sie nämlich erfahren, dass Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich seien. „Vorher hatten wir keine Ahnung von unseren Rechten“, sagte eine der Teil-nehmerinnen. „Unsere Männer entschieden alleine für uns. Nun aber werden Entscheidungen vorgängig in der Familie diskutiert.“ Eine an-dere Frau brachte die Auswirkung der Gruppenaktivitäten folgender-massen auf den Punkt: „Jetzt verstehen wir, dass wir nicht in einem gewalttätigen Umfeld zu leben brauchen.“

Statistische Erhebungen zur Wirksamkeit des Projekts liegen zwar nicht vor. Lokale Behördenvertreter stellen indessen seit dem Start einen klaren Rückgang der häuslichen Gewalt fest. Viele frühere Täter und Opfer seien aktive Gruppenmitglieder geworden, sagt Vu Thi Tan, Präsidentin der Frauenunion der Provinz Ninh Binh. Dadurch sei das Bewusstsein von Männern und Frauen punkto Gleichstellung und häusliche Gewalt deutlich gestiegen.

Modellhafter Ansatz
Dennoch bleibe noch viel zu tun. Der Kampf gegen die häusliche Gewalt sei eine Daueraufgabe, die vor allem auf der Bewusstseinsebene angepackt werden müsse, führt Vu Thi Tan aus. „Viele Männer halten es nach wie vor für normal, ihre Frauen zu schlagen – und viele Frauen lassen die Gewalt immer noch schweigend über sich ergehen, weil sie glauben, dies sei ihre Aufgabe in der Gesellschaft.“

In der zweiten Phase, die im Sommer 2007 gestartet wurde und bis im Sommer 2011 dauert, wird das Projekt auf 14 zusätzliche Gemeinden ausgedehnt. Verstärkt werden insbesondere die Aktivitäten an lokalen Gesundheitszentren und Schulen. Auf diese Weise soll das Bewusstsein der lokalen Bevölkerung für die Problematik der häuslichen Gewalt bereits in einer frühen Phase der psychologischen Entwicklung gefördert werden. Dieser Ansatz sei ganz neu und landesweit einzig-artig, sagt Nguyen Thanh Giang, Programmverantwortliche im DEZA-Kooperationsbüro in Hanoi. Dasselbe gelte für die Arbeit mit Täter-gruppen – ein Ansatz, der sich in letzter Zeit auch in Europa hoher Beliebtheit erfreut.

  

blank Das Projekt in Kürze

Verantwortlicher Bereich
Regionale Zusammenarbeit

Land / Region
Vietnam / Provinz Ninh Binh
Partner
People’s Comittee, Women’s Union – Ninh Binh Province
Implementierende Organisation: Institute for Reproduc-tive and Family Health (RaFH)

Ausgangslage / Hintergrundinformationen
Trotz egalitärer Gesellschaftsauffassung der herrschenden kommunistischen Partei ist häusliche Gewalt in Vietnam ein verbreitetes Phänomen, das die physische und psychische Gesundheit vieler Frauen gefährdet und zahlreiche Familien destabilisiert.
Projektziel
Das Projekt leistet einen Beitrag zur Verbesserung der Gleichstellung, indem es die häusliche Gewalt in der Provinz Ninh Binh bekämpft.

Zielgruppe
20 (1. Phase) bzw. 34 (2. Phase) der 147 Gemeinden in der Provinz Ninh Binh

Finanzieller Rahmen
Bisher hat die DEZA rund 700‘000 Franken für das Projekt ausgegeben.

Laufzeit
1. Phase: Juni 2003 bis Mai 2007
2. Phase: Juli 2007 bis Juni 2011

Kontakt
Institute for Reproductive and Family Health (RaFH)
63/65 Cat Linh Street
Hanoi, Vietnam
Tel.: +84 4 823 42 88
E-mail: rafh@hn.vnn.vn

Swiss Cooperation Office for the Mekong Region
Hanoi Central Office Build-ing, 16th Floor
44B Ly Thuong Kiet Street
Hanoi, Vietnam
Tel.: +84 4 934 66 27
E-mail: Hanoi@sdc.net

Weiterführende Informationen und Dokumente